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Foto: © Peter Herrmann

Früher war alles besser. Von Glück, Wertewandel und Generationenkonflikt

Zeit ist Geld. In einer „right on time”-Gesellschaft wie der unseren ist das die Handlungsprämisse. Wir optimieren alles: die Wirtschaft, die Vernetzung, uns selbst. Doch die Welt ist im Wandel. Werte sind im Wandel. Auch der Wert des Geldes. Nicht nur im monetären und wahrsten Sinne gemeint, sondern auch moralisch, ethisch, idealistisch.
Dass sich die Bedeutung von Geld in den Köpfen der Menschen ändert, ist nur eine Facette des zu beobachtenden Wertewandels, der mit dem soziodemographischen (Generationen-)Wandel einhergeht. Ein Wandel, der die Gesellschaft zunehmend vor eine Herausforderung stellt. Denn die Umwelt, die die Generation der Babyboomer aufgebaut hat, wird von der Generation Z teils vehement abgelehnt. Ein Generationenkonflikt ist spürbar.

Generation Greta

Der Zukunftsforscher Tristan Horx sieht diesen vermeintlichen Konflikt etwas anders. Für ihn verbindet die Generationen mehr, als sie trennt. Dass die nachfolgende Generation die ältere Generation „schlechtreden“ muss, sieht er eher als unglückliches Naturgesetz als auf Tatsachen beruhend. „Die 68er sind genauso auf die Straße gegangen wie die Jungen heute. Sie haben sehr viel bewegt in Sachen Rechte für Frauen oder Homosexualität, sie haben gegen Umweltverschmutzung rebelliert – darum haben wir heute auch keine Atomkraftwerke – genauso wie die Generation X und jetzt die Generation Z.“

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Tristan Horx ist Zukunftsforscher der Generation Y. Für ihn verbindet die Generationen mehr, als sie trennt. Tristan Horx, www.tristan-horx.com / Foto: © Klaus Vyhnalek, www.vyhnalek.com

Der Soziologe Karl Mannheim (1893-1947) hat sich intensiv mit dem Generationenbegriff auseinandergesetzt. Für ihn bildet das gemeinsam Erlebte – die soziale, kulturelle und ökologische Realität – eine Generation, nicht eine Jahreszahl. Ob das nun die richtige Betrachtung ist, darüber streitet man sich. Auf jeden Fall aber bricht sie die Starre der Generationeneinteilung etwas auf, denn selbst wer in der Nachkriegszeit geboren ist, erlebt jetzt mit seinen Kindern und Enkelkindern deren Realität und auch deren Wertewandel. Die ansteigend hohe Lebenserwartung fördert dies. Wer früher das Eigenheim inklusive hoher Verschuldung, Zweitfahrzeuge und Flugreisen als ultimativen Ausdruck von Erfolg und „Meine Kinder sollen es besser haben“-Wohlstand hatte, geht heute dagegen auf die Straße. Die „Generation Greta“ ist zeitlos geworden.

Möglich macht all das die technologische Geschwindigkeit unserer Zeit. Und ob man möchte oder nicht: diese Geschwindigkeit ist unsere aller Realität geworden. 

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Die Ziele und Werte der nächsten Generation sind zu jenen der Eltern- und Großelterngeneration geworden. Foto: © Mika Baumeister

Wie unterschiedlich sind sie also wirklich, die Generationen?

Und welche Werte führen heute zum Glück? Eine der zentralsten Veränderungen des letzten Jahrzehnts ist der Drang nach Selbstverwirklichung. Freiheit und Selbstbestimmung wurden zum zentralen Ideal der jüngeren Generationen. Selbstbestimmung ist das ultimative Glück. Überall liest man es, überall schreit es von den Wänden: Bist du nicht vogelfrei, nicht auf Workation auf den Bahamas, nicht in einem Unicorn-Startup mit holistischem Setup ohne Hierarchien oder völlig besitzfreier Minimalist, kannst du praktisch nicht glücklich sein.
Was macht der vorgelebte Individualismus mit uns? Einen verpflichtenden Canon, der uns als Gesellschaft eint, gibt es scheinbar kaum noch in der westlichen Welt. Sind wir womöglich nicht mit einem Wertewandel, sondern vielmehr einem Werteverfall konfrontiert? Oder ist Selbstbestimmung schlicht der zentralste gemeinsame Wert unserer modernen Gesellschaft geworden?

Tristan Horx gehört selbst der Generation Y an. Einen Verfall der Gesellschaft bzw. der sie verbindenden Werte sieht er nicht. Im Gegenteil: „Es ist ein Trugschluss, dass Differenzierung und Individualisierung zu einem Mangel an Verbindung führen. Die Formel wird doch immer bleiben ‚gemeinsam verschieden‘ zu sein. Unterschiede machen nicht nur interessant, sondern ein System auch resilient.“ Als bestes Beispiel nennt er den Ukrainekrieg, der aktuell beobachten lässt, wie viel Solidarität und gleiche, uns einende Werte in unserer Gesellschaft stecken.

Sind Werte Synonyme für Glück?

Glück, so Tristan Horx, wird immer das selbstdefinierte Wohlergehen bleiben. Das eingangs erwähnte Geld sei natürlich praktisch, um Glück zu definieren, weil es messbar ist. Und bis zu einem gewissen Punkt würde es auch immer mit dazugehören zum Glück, denn die Bedürfnispyramide will befriedigt werden. Darüber hinaus ist das Plateau aber irgendwann erreicht und Geld trägt kein bisschen zu mehr Glück bei.

Vielleicht hat die jüngere Generation einfach gelernt, mit weniger Materiellem glücklich zu sein und schreit deshalb so sehr nach Verzicht? Was wir aber nicht vergessen dürfen: Die Generation Boomer ist unter ganz anderen Umständen aufgewachsen als eine Generation X oder Y. Wirtschaftlicher Wohlstand und Sicherheit ist ihnen nicht in die Wiege gelegt worden, ihren Kindern jedoch schon. Es ist daher jetzt wesentlich einfacher, wieder etwas mehr zu verzichten, denn wenn wir heute verzichten, ist das Resultat immer ein höheres gefühltes Wohlstandsniveau als in den 60er-Jahren. Und mit der Generation Z oder sogar Alpha sind Menschen in eine Welt geboren, die wieder mit großen Krisen konfrontiert ist: Klimakatastrophen, Krieg, eine immer weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich.

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Erinnerungen an vergangene Tage. Foto: © Laura Fuhrman

Tristan Horx kann sich im Übrigen auch mit Mannheims Generationenbegriff anfreunden und ergänzt diesen: „Wir müssen die Gesellschaft vielmehr als Individuen betrachten, als in Generationen zu denken. Alter reicht nicht mehr, um Gesellschaften zu unterteilen, denn innerhalb einer jetzt so genannten Generation gibt es immer mehr wahrnehmbare Unterschiede. Wir leben länger und erleben aktiv mehr. Früher oder später werden wir in ein Post-Generations-Zeitalter kommen.“

Was wird Glück in 50 oder 100 Jahren sein?

Eines, so Horx, wird sich nicht ändern: „Das gesunde soziale Umfeld wird ein wesentlicher Indikator bleiben. Und das wird sich auch nicht wegdigitalisieren lassen“.
Wenn wir es schaffen, das Ruder in Sachen Klima noch herumzureißen, dann haben wir gute Hoffnung, in 100 Jahren auch noch glücklich sein zu können bzw. überhaupt noch über Glück nachdenken zu können anstatt nur über das Überleben. Welchen Beitrag wir als Unternehmen und die Bankenbranche zu mehr ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit und somit einer glücklichen Zukunft leisten können, ist aber eine andere Geschichte.

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Seit seinem 24. Lebensjahr steht Tristan Horx als Speaker aus der Generation Y auf internationalen Bühnen. Sein Thema ist die Zukunft. Geboren wurde er knapp vor der Jahrtausendwende und gehört damit zur begehrten Zielgruppe der sogenannten Millennials. Sie steht mit ihren Interessen und Motiven im Fokus vieler Unternehmen, wenn es um Fragen des gesellschaftlichen Wandels, um Kultur, aber auch um ein neues wirtschaftliches Denken geht. Aufgewachsen in der wohl bekanntesten Zukunftsforscher-Familie Europas, erlebt Tristan von früh an in einem natürlichen Mikrokosmos den Perspektiven-Clash des Generationssystems. Als Autor diverser Publikationen rückt er visionäre Szenarien seines Themenspektrums wie die Zukunft der Digitalisierung, Mobilität, Globalisierung und Nachhaltigkeit in den Fokus.

Der Werte- und Generationenwandel bewegt – auch die Bankenbranche

Werte bestimmen nicht nur, wonach wir streben, sondern auch, wie wir es erreichen wollen. Ein Thema, das die Kundenberaterinnen und -berater im Private Banking täglich erleben. Die Bankenbranche hat im letzten Jahrzehnt deutlich zu spüren bekommen, dass sich etwas in Bewegung gesetzt hat, das nicht mehr aufzuhalten ist. Direktbanken und FinTechs, ein größeres finanzielles Selbstbewusstsein bei Frauen oder auch der (nicht mehr so neue) Trend der nachhaltigen Investments. Was vor Jahren nur wenige Menschen in Geldangelegenheiten interessiert hat, ist innerhalb kürzester Zeit zum Muss geworden. Nachhaltigkeit – sozial, ökologisch, unternehmerisch – ist vom Vorstoß der Jungen zu einer generationenübergreifenden Haltung geworden.

Vermögen aufzubauen und zu erhalten ist nach wie vor hoch im Kurs. Doch auf dem Weg dorthin ist auch die Selbstbestimmung ein entscheidender Faktor geworden. Die Gen Y und Z fordert Mitspracherecht und Transparenz deutlich stärker ein als Kundinnen und Kunden der Elterngeneration. Allerdings zieht auch sie diesbezüglich spürbar nach. Das mag auch daran liegen, dass die Bankenkrise und andere Skandale Vertrauen und Zuversicht zerstört haben. Es liegt aber auch spürbar am Alter und der Lebenswelt, in der sich unsere Kundinnen und Kunden bewegen. In der Bankenbranche – und von dieser können wir nun mal am besten berichten – ist der Unterschied in den Generationen also durchaus noch spürbar.

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Das Bedürfnis nach Sicherheit und Sorglosigkeit ist laut Hermann Wonnebauer generationenübergreifend. Foto: © Zürcher Kantonalbank Österreich AG

Hermann Wonnebauer ist CEO der Zürcher Kantonalbank Österreich AG und seit 1982 im Geschäft. Bei allen Unterschieden erlebt er die Generationen dennoch ähnlich geeint wie Tristan Horx, nämlich durch ihre Bedürfnisse: „Menschen, die unsere Bank als Partnerin für ihre Geldangelegenheiten wählen, wünschen sich vor allem zwei Dinge: Sicherheit und Sorglosigkeit. Sie möchten ruhig schlafen können und ihre finanzielle Zukunft abgesichert sehen. Ihre persönliche, die ihrer Kinder und Kindeskinder. Wir sind dabei vielmehr Vertraute als „nur“ Vermögensverwalter. Beratung im Private Banking heißt in erster Linie: Zuhören, da sein. Und das ändert sich auch mit den Generationen nicht. Die Wege zu dieser finanziellen Sicherheit und dem guten Schlaf sehen aber durchaus anders aus.“

Besser vorgesorgt: Generationenwechsel im Familienunternehmen

Die Vermögensübergabe oder ein Generationenwechsel in Familienunternehmen ist ein weiteres Thema, bei dem sich unterschiedliche Werte bemerkbar machen. „Wir versuchen hier mit unserer Erfahrung bestmöglich zu unterstützen. Nicht bei allem können wir Ratschläge für eine Unternehmensübergabe geben, aber wenn es um Geldangelegenheiten geht, versuchen wir so früh wie möglich darauf zu sensibilisieren, wie man Familienvermögen gut für die nächste Generation erhält und diese auch gut vorbereitet auf das, was kommt. Dieses umsichtige Vorausdenken für unsere Kundinnen und Kunden ist unser Selbstverständnis.“

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Acht Tipps zur optimalen Familienvorsorge

  • Partner und Kinder langsam und frühzeitig an eine Übergabe heranführen
  • „Nach mir“-Ordner anlegen: in digitaler und analoger Form alle nötigen Finanzdaten und Verfügungen ablegen
  • Testamente in die Hände von Profis geben und regelmäßig überprüfen
  • Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen nicht vergessen
  • Kurzfristig liquide Mittel sicherstellen
  • Immobilien: Handlungsfähigkeit für die nächste Generation gewährleisten
  • Digitale Assets / Krypto: Zugänge sicher hinterlegen

Diese Checkliste können Sie in voller Länge hier lesen.

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