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Foto: © Lucas Wesney

Lässt sich Zukunft erzählen?

Narrationsforscher und Organisationsberater Michael Müller im Gespräch mit Wolfgang Tonninger

Was wären das für Regeln und worauf muss man dabei achten?
Dass man nicht nur den Endzustand ausmalt. Sich also nicht, wie es bei vielen Visionsbildungsprozessen üblich ist, allein auf das Ziel konzentriert und den Weg dorthin nicht ernst nimmt. Das Umgekehrte ist richtig: Das Ziel ist hauptsächlich dafür da, sich für einen Weg entscheiden zu können.

» Ein Telefon klingelt. Die Tür geht auf. Etwas ist plötzlich anders. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf. «

Das heißt auch, dass man ernst nimmt, wo eine Geschichte beginnt. Dass man den Ort kenntlich macht, von dem man aufbricht. Das klingt so, als ob der Erzähler beweisen müsste, dass er in der Gegenwart steht, bevor er den Pfeil in die Zukunft abschießt.
Absolut. Und genau das geht uns ab in dieser Zeit, in der wir ununterbrochen mit Projektionen zu tun haben, die vollkommen abgekoppelt sind von sinnlichem Erleben. Konkret muss vor allem der Anfang der Geschichte sein. Da muss ich mich als Zuhörerin oder Leserin abgeholt fühlen. Ein Telefon klingelt. Die Tür geht auf. Etwas ist plötzlich anders. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Der Endzustand hingegen kann ruhig ein bisschen schwammiger sein. Wenn er zu konkret wird, dann ist er eigentlich mehr ein pragmatisches Ziel und nicht mehr eine Vision, die für eine Zukunftsgeschichte Motor und Treibstoff zugleich sein kann.

Das erinnert mich an Michel Foucault, der einmal meinte, dass er nur dann ein Buch zu schreiben beginnt, wenn er nicht weiß, wie das Ergebnis aussieht. Diese Ungewissheit hat ja auch mit Kreativität zu tun. Könnte man daraus folgern, dass gute Zukunftsgeschichten vor allem Aufbruchsgeschichten sind?
Ich würde sagen Aufbruchsgeschichten mit ein paar ersten wichtigen Transformationen, die eine Erwartung auf das Ende begründen. Eine gute Geschichte ereignet sich. Das heißt, dass die Transformationen situativ plausibel entwickelt sind. Und wenn sie zudem noch mit den Erwartungshaltungen der Zuhörer spielt, umso besser.

Wenn Sie Erwartung sagen, denke ich Suspense – also Spannung, die nur dann entsteht, wenn nicht alles vorgeschrieben wird. Dazu fällt mir das berühmte Zitat von Antoine de Saint-Exupéry ein: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Und wenn du eine Geschichte erzählen willst, dann schreibe keine Anleitung zum Schiffsbau, sondern entwickle sie rund um einen Moment, an dem das Unvorhersehbare passiert.

»Wenn du eine Geschichte erzählen willst, dann schreibe keine Anleitung zum Schiffsbau, sondern entwickle sie rund um einen Moment, an dem das Unvorhersehbare passiert.«

Geschichten können also Sehnsucht wecken. Was können Sie noch?
Sie können auch Kräfte bündeln, wenn der Feind vor der Tür steht. Solche Monstergeschichten sind im Normalfall Kampfgeschichten, die auf etwas reagieren, das die gewohnte Welt bedroht. Solche Geschichten sind geschlossene Geschichten mit binären Enden: entweder/oder. Entweder ich gewinne oder das Monster gewinnt. Anzumerken ist, dass solche Kampfgeschichten immer mit einem Ablaufdatum versehen sind oder nach jemandem verlangen, der laufend Öl ins Feuer gießt. Denken Sie an den Beginn der Corona-Pandemie. Aber auch im Unternehmen werden immer wieder solche Bedrohungsszenarien erzählt, um die Mitarbeiter bei der Stange zu halten. Das Problem: Ohne Feind zerbröselt so eine Geschichte.
Und irgendwann gewöhnt sich jeder an die Bedrohung. Alternative Ansätze sind sogenannte Übergangsgeschichten, bei denen es darum geht, von innen heraus so etwas wie Veränderung zu initiieren. Solche Geschichten sind auf jeden Fall nachhaltiger, weil sie auf intrinsische Motivation setzen. Der Motor ist im Innen.

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