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The Future is Female – Die Finanzwelt auch?


The Financial Future is Female – so titelt ein Artikel von Standard & Poor in großen Lettern im März 2019 auf deren Webseite. Frauen würden stärker denn je zuvor den Finanzmarkt mitgestalten und die Zukunft des selbigen prägen. Sind wir heute, drei Jahre später, schon in dieser Zukunft angekommen?

Das neue finanzielle Selbstbewusstsein

Erst 1962 durfte in Deutschland eine Frau ein eigenes Konto ohne Zustimmung ihres Ehemannes eröffnen. Etwas zu erwerben, zu besitzen oder zu erben war lange Zeit Männern vorbehalten. Knapp 51 % der Weltbevölkerung – so groß ist der Frauenanteil nämlich – haben also „Nachholbedarf“, was das Thema Geld betrifft. Umso deutlicher spürbar ist dieser Drang heute. Podcasts, Bücher, Seminare, Informationsstellen, ganze Finanz-Start-ups von und für Frauen – in allen Formen und Farben ist das geballte Finanzwissen für die weibliche Zielgruppe verfügbar. Sogar die Frauenzeitschrift Brigitte hat sich diesem Thema angenommen und bietet mit ihrer „Academy“ nicht nur den „Style Day“ für die modebewusste Frau, sondern auch einen Finanz-Podcast speziell für SIE an. Vom kleinen 1×1 bis hin zum forgeschrittenen Börsen-Know-how kann Frau sich heute alles aneignen, was und wann sie möchte.

Corona-Krise als Treiber

Gut so, findet Larissa Kravitz. Die Finanzmathematikerin und ehemalige Aktienhändlerin ist bekannt als „Investorella“, eigentlich der Titel ihres Finanzpodcasts speziell für Frauen. Sie hat es sich zur Mission gemacht, die finanzielle Autonomie von Frauen und Familien durch Bildung zu stärken.

Sie beobachtet schon länger, dass das Thema „Frau und Geld“ mehr Aufwind erfährt: „Schon vor 2020 war ein leichter Anstieg an der Kapitalmarktbeteiligung von Frauen zu merken, wohl aufgrund des sinkenden Vertrauens ins staatliche Pensionssystems seitens junger Menschen aber auch dank des immer leichter werdenden Marktzugangs mit praktischen Apps. Der große Wendepunkt war dann die Corona-Krise. Die Lockdowns führten dazu, dass viele junge Menschen sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Thema Geld & Investment beschäftigten. In dieser Zeit verzeichneten viele Finanzdienstleister Rekordzuwachsraten und im Zuge dessen stieg auch die Investorinnen-Quote.“

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Larissa Kravitz ist Finanzmathematikerin und ehemalige Aktienhändlerin. Sie betreibt den Podcast „Investorella“. Foto: © Avi Kravitz

Gender Budgeting

Wissen Sie, was „Gender Budgeting“ ist? Per Gesetz soll in Österreich sichergestellt werden, dass der Budgethaushalt von Ländern, Bund und Gemeinden unter gleichberechtiger Berücksichtigung der Bedürfnisse von Männern und Frauen geführt wird. Ein Beispiel: Wenn der Schnee fällt, werden mit höchster Priorität die Straßen geräumt, erst nachrangig bis gar nicht die Gehwege, Fußgängerzonen, Bushaltestellen und Radwege. In Österreich legen Frauen laut Erhebnung der VCÖ weit mehr Wege zu Fuß oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurück als Männer. Ist die Schneeräumung also gleichberechtigt für Männer und Frauen geplant? Oder haben Frauen einen Nachteil, weil Gehwege und Haltestellen schwerer zugänglich sind? Und entstehen dadurch vielleicht sogar weiterführende Konsequenzen, wie etwa mehr Unfälle an eisigen Stellen, die wiederum unnötige Kosten für die Gemeinden und das Gesundheitssystem bedeuten? Das sind Fragen für „Gender Budgeting“.

Der lange Weg zum Ziel

Blickt man aus dieser Perspektive auf die Finanzwelt muss man sich die Frage stellen: Ist die Finanzwelt frauengerecht? Frauen haben – das mag man nun hören wollen oder nicht – andere Lebensrealitäten als Männer. Wir beobachten einen gesellschaftlichen Wandel, der das klassische Bild der Frau verändert  – eine starke Bewegung zur Gleichberechtigung im rechtlichen, ökonomischen und sozialen Kontext. Immer mehr Frauen gründen Unternehmen oder bekleiden hochdotierte Managementpositionen.

Frauen werden sogar immer reicher! Rund 12 Prozent aller Ultrareichen (Vermögen größer als 30 Millionen US-Dollar), wovon die Mehrheit in den USA, Deutschland und China lebt, sind Frauen. Doch in der Breite der Gesellschaft sieht es anders aus. Der Anteil an Vollzeit erwerbstätigen Frauen ist weit geringer als bei Männern. Die Gehälter und Pensionsbezüge sind nach wie vor niedriger und die Lebenserwartung von Frauen ist höher. Jede dritte Ehe in Österreich wird geschieden, durchschnittlich im 43-sten Lebensjahr einer Frau, was aus eben genannten Gründen oft zu finanziellen Nöten führt.

Weiblichkeit bedeutet Diversität

Das betrifft nur mehr die Boomer-Generation, weil die „moderne“ Frau ganz anders tickt? Mag sein, doch auch für Millenials, Gen Y und Z gilt: Die Lebensphasen, in denen sich Frauen befinden können, sind durch Biologie und Gesellschaft weit diverser als die der Männer. Und egal ob man nun die vermögende oder die finanziell benachteiligte Frau betrachtet: Die Bedürfnisse von Frauen in Bezug auf Finanzsservices sind weitestgehend unterversorgt. Das beschreibt zumindest die Financial Alliance for Women. Diese appelliert daran, nicht zwingend neue Produkte oder Dienstleistungen zu entwickeln, sondern die Lebenssituationen der Frau besser zu berücksichtigen – von der werblichen Ansprache, dem Informationsangebot bis hin zur tatsächlich lebensnahen Beratung.

Das bestätigt auch Silvia Richter, Direktorin Private Banking Wien der Zürcher Kantonalbank Österreich AG. Dementsprechend sieht sie sich selbst und ihre Kolleginnen und Kollegen in der Beratung in der Pflicht: „Es ist unsere Aufgabe, Frauen auf Realitäten aufmerksam zu machen, die manchmal unangenehm sind – von der persönlichen Vorsorge im Scheidungsfall über die Tatsache der Einkommenslücken durch Karenz bis hin zum Testament. Wenn wir nicht individuell auf die Lebenssituationen eingehen – bei Männern wie bei Frauen – dann machen wir unseren Job nicht richtig. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass sich deren Lebenswelten in den meisten Fällen unterscheiden.“

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Silvia Richter ist Direktorin Private Banking Wien der Zürcher Kantonalbank Österreich AG betont, wie wichtig es für Frauen ist, Fragen stellen zu dürfen und sich in ihrer individuellen Lebenslage gut beraten zu fühlen. Foto: © Zürcher Kantonalbank Österreich AG / Sabine Klimpt Fotografie

Ein gutes Bauchgefühl

„Wenn Banken und Vermögensverwalter Frauen als Zielgruppe nachhaltig für sich gewinnen möchten, muss sich etwas ändern“, meint Larissa Kravitz. „Verschiedene Umfragen (z. B. von Online-Brokern) zeigen, dass Frauen etwas zögerlicher sind als Männer, gerne alles genau wissen möchten und sich ihres Wissens nicht so sicher sind wie Männer (siehe eine Studie der WU von Bettina Fuhrmann). Eine detaillierte und individuelle Beratung ist daher für Frauen besonders wichtig. Kundinnen schätzen die Möglichkeit, viele und sehr genaue Fragen stellen zu können und legen ein sehr großes Augenmerk auf eine ehrliche und transparente Beratung, aber auch auf nachhaltige Optionen bei der Investmentauswahl.“

Silvia Cova ist seit über 25 Jahren im Portfolio Management tätig und Teil des Asset Management Teams der Zürcher Kantonalbank Österreich AG. Auch wenn Sie Ausnahmen kennt, ist ihr das Bild der unterrepräsentierten Frau in der Branche nicht fremd: „In meiner Karriere habe ich sehr lang hauptsächlich mit Männern gearbeitet. Aber ich habe auch das Glück und die Ehre gehabt, mit Top Frauen kooperieren zu dürfen. Erika Karitnig, meine CIO in der damaligen BAWAG P.S.K Invest, und Isabelle Pierry, meine COO in Amundi Austria, waren brilliante, extrem wichtige und interessante Persönlichkeiten für mich. Ich habe sie bewundert und viel von ihnen gelernt. Aber sie blieben zwei Seltenheiten.

Langsam kommen neue Wellen an Asset Managerinnen in die Branche. Wie immer sind sie top ausgebildet aber auch mathematisch versiert, häufig sehr IT-affin, kennen sich mit AI, Fintech und Big Data aus. Sie ergänzen bestens meinen „old school“ Ansatz, der mit viel Praxis verbunden ist. Doch immer noch häufig werden diese überqualifizierten Frauen in Support-Funktionen gesetzt und ihr Wissensvermögen wird verschwendet oder nur dann ausgenutzt, wenn Notfälle passieren.“

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Silvia Cova arbeitet seit über 25 Jahren im Portfolio Management, wo sie zumeist mit männlichen Kollegen zusammenarbeitete. Nur langsam tritt eine Kehrtwende ein. Foto: © Zürcher Kantonalbank Österreich AG / Sabine Klimpt Fotografie

Frauen und Geld – noch immer ein Tabu?

Als Leiterin des Private Banking Standortes und Teams in Wien sieht Silvia Richter auch im Bereich der Kundenberatung eine deutliche Mehrheit an männlichen Bewerbern. Man könnte glauben, es sei umgekehrt – spricht man Frauen im allgemeinen doch mehr Empathie und emotionale Intelligenz zu als Männern. Ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht. „Es ist immer noch so, dass in den Köpfen der Menschen Zahlenverständnis und Frauen nicht zusammenpassen. Man traut Frauen nicht zu, dass sie die Finanzwelt verstehen und mitgestalten können. Und auch viele junge Frauen trauen es sich selbst nicht zu und wählen deshalb diesen Beruf oder auch einen anderen MINT-Beruf nicht.“

Schade, findet Richter, denn für sie gibt es kaum etwas Spannenderes und Wichtigeres, als die eigenen Finanzen zu planen und zu gestalten. Sie appelliert daher an die Bildungspolitik und die elterliche Erziehung, das zu ändern. „Es sollte unbedingt in jeder allgemeinbildenden Schule Wirtschaft und Finanzen gelehrt werden. Und das ist völlig geschlechterunabhängig. Hier geht es darum Kindern und Jugendlichen das Werkzeug in die Hand zu geben ihre Zukunft zu gestalten und ihre Existenz zu sichern. Eltern sollten bei ihren Kindern das Interesse dafür wecken. Bei Mädchen braucht es dafür vielleicht etwas mehr Enthusiasmus und Bemühen, um die in der Gesellschaft verhafteten Glaubenssätze aufzubrechen.“ Mit ihrem Team in Wien arbeitet Richter schon daran, denn sie begrüßt immer wieder die Jüngsten unserer Kundinnen und Kunden und Freunde des Hauses bei uns, um ihnen die Finanzwelt sowie den Beruf der Private Bankerin und Finanzexpertin näher zu bringen. 

Raus aus der Nische

Ein weiterer Glaubenssatz ist, dass Frauen in der Geldanlage weniger risikoaffin sind als Männer. Oft hat Silvia Cova auch das als Begründung für den niedrigen Frauenanteil in der Branche gehört. Und das, obwohl dieses Argument völlig Fehl am Platz sei: „Egal ob ich sehr aggressiv oder sehr konservativ bin, was zählt ist das Risikoprofil meines Kunden, meiner Kundin. Daran muss ich meine Entscheidungen anpassen und das hat nichts mit Gender zu tun.“

Spannend ist auch ihr Blick auf die Entwicklung ihrer Profession über einen längeren Zeitraum. Frauen hätten sich lange Zeit nur den weniger prominenten, eher unattraktiven Themen angenommen – ein Phänomen, das sicherlich nicht nur in der Finanzbranche zu beobachten ist. Umso größer scheint jetzt aber das Potenzial zu sein: „Profi-Anlegerinnen haben ihren beruflichen Pfad häufig in Nischensegmenten begonnen und sind dadurch zu hochkarätigen Spezialistinnen geworden. So war es in der Vergangenheit zum Beispiel im Bereich Small Caps, Dividenden-Aktien oder Emerging Debt, als all diese Assetklassen nicht modisch waren. Das Thema Nachhaltigkeit etwa, war vor zehn Jahren noch eine Spezialität für wenige bestimmte Anleger, die spezifische Vorgaben in ihren Investmentrichtlinien hatten. So positionierten sich einige Kolleginnen in diesem Feld. Lang waren sie fast unsichtbar aber seitdem das Thema von der EU priorisiert wurde, genießen sie mehr Aufmerksamkeit und Respekt. Endlich können sie effektiver zur Welt von Morgen mit ihren Entscheidungen beitragen.“

Zeit für Veränderung

Zurück zum Anfang. „The Future is Female“ – kann das noch das Credo der Zeit sein? Schürt dieser Slogan nicht den angeprangerten Wettbewerb zwischen Männern und Frauen und schließt queere, trans und andere nicht-binäre Identitäten komplett aus? Was ist mit den Lebenswelten und Realitäten dieser Menschen? Glücklicherweise ist die Bewegung für mehr Gleichberechtigung und Diversität nicht mehr aufzuhalten. Auch die Grenzen beider Begrifflichkeiten werden immer weiter und somit die geistigen Horizonte. „The Future is.“ würde als Aussage in Tagen wie diesen schon ausreichen, denn angesichts zahlreicher menschgemachter Bedrohungen sollte unser einziges Credo sein, Zukunft überhaupt möglich zu machen. Idealerweise ist diese Zukunft dann auch noch finanziell abgesichert.

Zwei Finanzpodcasts, die Sie kennen müssen

Wenn Sie mehr zum Thema Finanzen erfahren möchten, legen wir Ihnen diese beiden Podcasts ans Herz:

ZKBOE_Magazin_Plus_Frauen_Geld_Podcast_InvesterellaPodcast-Tipp: Investorella

Weil Investieren Frauensache ist – Know-how zu Aktien, Veranlagung & Co von und mit Larissa Kravitz

Zum Podcast

ZKBOE_Magazin_Plus_Frauen_Geld_Podcast_Kapitalmarkt_mit_WeitblickPodcast-Tipp: Kapitalmarkt mit Weitblick

Das monatliche Finanzmarkt-Update der Zürcher Kantonalbank Österreich AG

Zum Podcast

 

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