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Warum die Zukunft auch mal eine Retrospektive verlangt.

Narrationsforscher und Organisationsberater Prof. Dr. Michael Müller im Gespräch mit Wolfgang Tonninger.

Herr Müller, warum ist Zukunft heute so ein Thema? Liegt es daran, dass wir nur noch so wenig davon haben?
Das ist eine große Frage. Lassen Sie mich es einmal so versuchen. Im Grunde ist das Interesse an einer Zukunft, die über das ewige Leben im Paradies hinausgeht, ein Projekt der Aufklärung. Dass der Mensch nicht mehr hineingeworfen ist in eine Welt, sondern diese sich verfügbar macht und seine Zukunft selbst in die Hand nimmt. Auch mit dem Effekt, dass wir uns damit immer mehr an der Zukunft verschuldet haben.

Ein Leben auf Pump?
Ein Leben auf Pump ist es dann, wenn Aktionen, die wir hier und jetzt unter- nehmen, unsere Zukunftsaussichten schmälern.

Kann man sich Zukunft überhaupt erzählend aneignen?
Ich würde sagen, dass Geschichten zu vielem in der Lage sind. Sie können Vertrauen schaffen, sie können in den Schlaf wiegen, aber auch den Schlaf rauben. Und sie sind in der Lage, Horizonte zu erweitern …

dummy-imageProf. Dr. Michael Müller

Michael Müller zählt zu den Gründern der narrativen Disziplin in Deutschland. Er ist Professor für Medienanalyse und Medienkonzeption an der Hochschule der Medien Stuttgart und leitet dort das „Institut für Angewandte Narrationsforschung (IANA)“. Gleichzeitig ist der Mitgründer von Beyond Storytelling (www.beyondstorytelling.com) einem Beraternetzwerk, dass das sich der Forschung und Praxis der Arbeit mit Geschichten in Organisationen, Gemein­schaften und darüber hinaus widmet. Zuletzt publizierte Michael Müller auch über politisches Storytelling und Populismus.

… und Möglichkeitsräume aufzustoßen.
Genau. Jens Beckert, vom Max-Plank-Institut für Gesellschaftsforschung, hat gesagt, dass der Wert von Unternehmen davon abhängt, ob sie glaubwürdige Zukunftsgeschichten erzählen können. Und das gilt nicht nur für Start-Ups, bei denen es intuitiv vielleicht einleuchtet, sondern für jede Art von Unternehmen. Und damit natürlich auch für eine Bank wie die Zürcher Kantonalbank, die ja vom Vertrauen seiner Kunden lebt. Weil Menschen prinzipiell nur in etwas ver- trauen, das auch eine Zukunft hat. Und das kommt indirekt einer Erzählaufforderung gleich.

Sie sagen Zukunftsgeschichte. Ist es überhaupt möglich eine Zukunftsgeschichte zu erzählen? Normalerweise erzählt man ja immer über etwas, das erlebt wurde und damit in der Vergangenheit liegt.
Das ist richtig. Deshalb werden ja auch Science-Fiction-Geschichten immer von einem Punkt in der Zukunft aus erzählt – mit dem Blick auf das jüngst Vergangene. Also wir schreiben zum Beispiel das Jahr 2050 und erzählen von diesem Punkt aus, was davor passiert ist. Zukunftsgeschichten, wie ich den Begriff hier gebrauche, widmen sich bestimmten Fragen – Wie wollen wir eigentlich leben? Wohin soll es gehen? Was haben wir vor? – und einer bestimmten narrativen Struktur: „Jetzt stehen wir hier und wir müssen das tun bzw. verändern, um dorthin zu kommen.“ Es ist also weniger ein Erzählen als ein Konstruieren von Zukunft, das narrative Spielregeln ernst nimmt.

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Hier kann eine Bildbeschreibung stehen.

Was wären das für Regeln und worauf muss man dabei achten?
Dass man nicht nur den Endzustand ausmalt. Sich also nicht, wie es bei vielen Visionsbildungsprozessen üblich ist, allein auf das Ziel konzentriert und den Weg dorthin nicht ernst nimmt. Das Umgekehrte ist richtig: Das Ziel ist hauptsächlich dafür da, sich für einen Weg entscheiden zu können.

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