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Wolfgang Hesoun im Interview: Erfolgreich ist, wer Dinge verfolgt.

Wolfgang Tonninger im Gespräch mit Wolfgang Hesoun, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG Österreich, im Café Imperial in Wien.

Als wir ein paar Minuten zu früh im traditionsreichen Café Imperial in Wien eintreffen, ist Wolfgang Hesoun noch nicht da. Der Kellner führt uns jedoch sofort an „seinen“ Tisch und zeigt uns auch, wo genau er Platz nehmen wird. So muss es sein, denke ich mir, wenn man das Imperial zu seinem Lieblingscafé erkoren hat. Wenige Minuten später erscheint Wolfgang Hesoun, freundlich und unaufgeregt. Und gibt uns das Gefühl, dass er in die nächsten 90 Minuten, die wir haben, alle Zeit der Welt hineinzupacken gedenkt, obwohl sein Terminkalender – das wissen wir von seiner Assistentin – wieder einmal aus allen Nähten platzt.

Während sich Herr Hesoun noch schnell ein Schnitzel bestellt, es ist kurz nach Mittag, sehe ich mich kurz um und erkenne in Schlagdistanz Comedy-Kultfigur Dirk Stermann und den ehemaligen Staatsoperndirektor Ioan Holender, der mir die Eingangsfrage zuwirft, die persönlich ist und auch Raum zum Aufwärmen lässt. „Meine Mutter hat mich schon früh in die Oper geschleppt – gegen meine innere Überzeugung wohlgemerkt –, aber das erwies sich retrospektiv als guter Einstieg“, erinnert sich Herr Hesoun mit einem Lächeln an die Kindheit in Mödling und die ersten Ausflüge in die große Welt der Musik.

Die ersten Ausflüge

Die ersten Ausflüge in das Gebiet der Mechatronik unternahm er an der HTL-Mödling, wo es für ihn ganz selbstverständlich wurde, Dinge zusammenzudenken – zunächst Mechanik und Elektronik. Später das Elektronische und das Digitale. Und noch später das Technische und das Kaufmännische. Doch beginnen tut diese Geschichte Anfang der 1980er-Jahre – bezeichnenderweise mit einem Vortrag, den er in seiner „unendlichen Faulheit“, so seine Selbstbeschreibung, versäumt hatte. Als Mitschüler ihm davon berichten, wird er jedoch hellhörig, denn mit der KRAFTWERK UNION verbindet der angehende HTL-Absolvent damals nicht nur Technik auf der Höhe der Zeit, sondern auch das Versprechen, „endlich in die Welt hinauszugehen“.

Das Vorstellungsgespräch in Erlangen und der Plan, dass er sich in Südamerika seine Sporen verdienen soll, wirken jedenfalls wie eine Initialzündung. Dass es dann doch nur Deutschland wurde, war dem wirtschaftlichen Einbruch in Argentinien geschuldet. Die Großkraftwerksprojekte hielten jedoch, was sie versprochen hatten: Sie waren „spannend, herausfordernd und technisch am letzten Stand“.

Visionen und Realitäten

So wurde Wolfgang Hesoun in den nächsten Jahren ein Spezialist für „Inbetriebsetzungen“, wenn es darum ging, Projekte vom Kopf auf die Füße zu stellen – und das ist er bis heute geblieben: „Visionen allein genügen nicht. Genauso wenig helfen Provokationen. Es geht um Lösungen, die umsetzbar sind. Alles andere ist billiger Aktionismus oder einfach Träumerei.“

Manchmal sind die Brücken einfach, wenn es Sätze gibt wie diesen. Wer mit Wolfgang Hesoun im Jahr 2022, also knapp 40 Jahre später, über die Energiezukunft reden will, der sollte bereit sein, „die Dinge zu Ende zu denken“, wie er fordert. Er hebt die Tischdecke an einer Seite an und weist darauf hin, dass drüben auf der anderen Seite des Tisches das Glas Wasser bereits zu zittern beginnt. Die Welt ist unheimlich komplex geworden und kompliziert, das weiß mein systemisch geschultes Gegenüber. Und dramatisch bedroht ist sie natürlich auch – daran besteht kein Zweifel. „Doch es wäre ein Fehler zu glauben, wenn wir Europa opfern, ist die Welt gerettet. Das heißt, dass wir in all unseren Bemühungen zur Klimawende unsere Wirtschaftlichkeit und unsere Produktivität nie aus den Augen verlieren dürfen. Denn je produktiver ich am Ende bin, umso weniger Energie werde ich brauchen.“

Wie gesagt: Wir schreiben das Jahr 2022. Wolfgang Hesoun wird Siemens im Frühjahr 2023 mit 63 Jahren ordnungsgemäß verlassen. So klingt jemand, der es gewohnt ist, sich in quer laufenden Management-Rollen zu bewegen und immer ein bisschen über den Tellerrand hinauszuschauen. Als Vizepräsident und Verantwortlicher für die Außenhandelsorganisation der Wirtschaftskammer Österreich wird ihm das zugutekommen.

Zufälle als Chancen begreifen

Doch blicken wir noch einmal zurück. Wie kam es zu dieser besonderen Karriere? „Na ja, schauen sie“, Wolfgang Hesoun beugt sich beinahe konspirativ zu mir, „sich weiterentwickeln heißt ja, dass man sich nicht nur im Bekannten optimiert, sondern immer wieder neue Dinge in Angriff nimmt. Im Nachhinein blicke ich auf die einzelnen Stationen zurück und sehe die Schritte, die ich gemacht habe, als etwas ganz Natürliches. Weil immer etwas dazugekommen ist, das spannend war. Und das mich in Bewegung hielt.“

Und die Entscheidungen – fielen sie immer leicht? „Im Grunde hat man bei solchen Weggabelungen zwei Optionen: Entweder man macht das weiter, was man kann oder man geht auf Risiko und entscheidet sich für das Neue. Ich habe eigentlich immer die zweite Option gezogen, beinahe automatisch und das war dann immer auch damit verbunden, dass ich mich weiterentwickelt habe.“

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Im Zweifel für das Neue: Sich weiterzuentwickeln bedeutet für Wolfgang Hesoun, auch mal neue Wege zu gehen. Foto: © Siegrid Cain

So kam es, wie es kommen musste oder wie es der Zufall wollte – „denn die Zufälle werden ja auch erst schicksalhaft, wenn man sie als Chancen erkennt.“ So wie mit die PORR. Der Sprung in die Umwelt- und Gebäudetechnik. Reiner Zufall. Großes Glück. „Ich konnte meine Erfahrungen nutzen und betrat gleichzeitig Neuland. Im Zuge eines großen Modernisierungsschubs bauten wir damals für die Entsorgungsbetriebe Wien die modernsten Rauchgasreinigungsanlagen, die es weltweit gab.“ Das war auch die Stelle in seiner Karriere, wo sich zum technischen Projektmanagement immer mehr das Kaufmännische und Organisatorische gesellte. Der Schritt in die Lenkungsebene, das heißt, in den Vorstand bei PORR war nur eine Frage der Zeit. „Das war für mich auch eine Schule des Loslassens. Denn zu glauben, dass man alles und auch alleine kann, ist ein weitverbreiteter Fehler. Je höher man kommt, umso wichtiger wird die Qualität der zweiten Reihe. Die Auswahlverantwortung dafür ist nicht delegierbar.“

Als Wolfgang Hesoun dann 2007 den Vorstandsvorsitz bei PORR übernahm, einem Unternehmen mit 3,5 Milliarden EURO Umsatz und 11.000 Mitarbeitern, schien das Ende der Fahnenstange erreicht. Doch wieder einmal mischte der Zufall die Karten neu, als er sich im Palais Ferstl neben Brigitte Ederer setzte, die gerade dabei war, nach München in die Siemens-Konzernzentrale zu wechseln. Ein Wort ergab das andere und die „positive Grundspannung gegenüber Siemens“, wie Hesoun es nennt, „war ja über die Jahre hin erhalten geblieben. Ich bin nicht leicht von PORR weggegangen und trotzdem fiel die Entscheidung schnell. Aus dem Bauch heraus, wie es sich gehört. Denn Siemens war Technologie pur – und für mich war es letztendlich wie ein Heimkommen.“

Dass Wolfgang Hesoun dann mit seinem Wechsel in die Siemens City in Wien Floridsdorf in ein schlüsselfertiges Office einzog, das PORR gemeinsam mit der Strabag gerade fertiggestellt hatte, liest sich wie ein Augenzwinkern der Geschichte. „Wenn mir einer erzählt, dass Karrieren planbar sind, dann muss ich lachen. Im Wesentlichen geht es darum, dass man seinen Interessen folgt, dass man sich das Neue zutraut und immer bereit bleibt, einen Schritt aus seiner Komfortzone herauszumachen. Vom Rest sollte man sich überraschen lassen.“

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Ein spannendes Gespräch, welches das Notizbuch von Wolfgang Tonninger füllt. Foto: © Siegrid Cain

Der Reiz des Neuen

Und sein Erfolgsgeheimnis? Wolfgang Hesoun schmunzelt: „Dass man an Menschen interessiert ist. Denn darum geht es in erster Linie. Wer es schafft, hinter die Rollen zu blicken und seinem Gegenüber, wer auch immer es ist, auf einer informellen, menschlichen Ebene zu begegnen, der wird sich viele Probleme ersparen. Die einen schreiben Anwaltsbriefe, die anderen greifen zum Telefon. Ich gehöre zur zweiten Gruppe.“

13 Jahre Siemens sind beinahe Geschichte. In einem Konzern, der von Smart Grid bis zu Gesundheitslösungen, von Mobility bis Energie beinahe alles macht, hat Wolfgang Hesoun ein gutes Gespür dafür entwickelt, wann und an welcher Stelle man sich bestmöglich einbringen kann. Ideale Voraussetzungen für die neuen Herausforderungen, die innerhalb der Außenhandelsorganisation der Wirtschaftskammer auf ihn warten.

2023 steht Wolfgang Hesoun jedenfalls wieder in den Startlöchern. Und man hat den Eindruck, er kann es kaum erwarten, noch einmal das Neue zu versuchen. Vielleicht schließt sich ja dann auch der Kreis mit Südamerika. Die Chancen stehen jedenfalls so gut wie nie.

ZKBOE_Wolfgang_HesounIng. Wolfgang Hesoun

geboren am 15.2.1960
1981: Abschluss an der HTL-MÖDLING als Mechatroniker
1982 bis 1987: KRAFTWERK UNION (Siemens-Konzern) – Bauleitung und Inbetriebsetzung in Großkraftwerken in Deutschland
1987: Intermezzo bei ÖSTERREICHISCHE DONAUKRAFTWERKE AG
1988 bis 2010: PORR AG für Generalunternehmungen und im Bereich der Umwelttechnik
Seit 2007: Generaldirektor PORR AG
Seit 2010: Vorstandsvorsitzender der SIEMENS AG ÖSTERREICH
2012 bis 2019: Präsident der Landesgruppe Wien der Industriellenvereinigung (IV)
Seit 2019: Präsident des Fachverbandes der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI)
Seit 2022: Vizepräsident der Wirtschaftskammer

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