Simona Ledl „Following the white rabbit“, Acryl/Tusche auf Leinwand, 90 × 120 cm, 2018

Die Schönheit wird ein Beben sein

Klang, der jede Faser unseres Körpers zum Vibrieren bringt. Farbe, die unser Auge so begeistert, dass wir es noch in der Magengrube spüren. Formen und Bewegungen, die uns wie mit unsichtbarer Hand in Schwingung versetzen.

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Der Blick in den Duden hilft nicht wirklich weiter. „Kunst [kʊnst], die. Substantiv, feminin – schöpferisches Gestalten aus den verschiedensten Materialien oder mit den Mitteln der Sprache, der Töne in Auseinandersetzung mit Natur und Welt.“ Das ist eine Definition, wenngleich eine sachliche, relativ eindimensionale. Aber wo fängt Kunst an und wo hört sie auf? Wer hinter den Begriff schauen will, trifft auf unterschiedlichste Beschreibungen und Versuche, das Künstlerische zu fassen. Die Fülle ist Beleg dafür, wie schwer Kunst greifbar ist. So scheint es tatsächlich einfacher zu beschreiben, was Kunst in uns auslöst, als das zu klären, was Kunst eigentlich ist.

Doch einigen wir uns zunächst darauf, Kunst als das anzunehmen, was wir in der Breite unserer Gesellschaft darunter verstehen: eine Malerei, eine Skulptur, ein Musikstück, Tanz, Gesang, eine Installation, ein Text – durch und über alle Genres hinweg.

Was Kunst mit uns macht
Kunst ist schwer fassbar, weil sie über unsere Ratio hinausgeht und immer auch subjektiv gefühlt wird. Und doch lässt sich wissenschaftlich eindeutig belegen, was mit uns passiert, wenn wir auf Kunst treffen. Das Wissenschaftsfeld, das sich mit den neurologischen Grundlagen von Kunstwahrnehmung, Kreativität und Ästhetik, aber auch Bewusstseinszuständen wie Liebe, Hass und Schönheit beschäftigt, ist die Neuroästhetik. Der britisch-libanesische Neurobiologe Semir Zeki hat den Begriff Ende der 1990er-Jahre geprägt und tut es heute noch. Die Neuroästhetik erforscht, was wem warum und unter welchen Bedingungen gefällt bzw. ästhetisch anspricht. Und was in unserem Kopf passiert, wenn wir Kunst konsumieren.

Forschungen des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik haben dazu ein spannendes Paradoxon freigelegt: Wenn wir Kunst betrachten, etwa ein Bild, sind vor allem die sensorischen Hirnregionen aktiv. Sie sind für visuelle Reize zuständig. Außerdem regt sich unser Belohnungszentrum im Gehirn. Doch darüber hinaus ist überraschenderweise eine weitere Region des Gehirns aktiv, der man bislang zugeschrieben hatte, gerade dann zu schweigen: das Default Mode Network, kurz DMN. Das DMN ist unser Ruhezustandsnetzwerk und unterstützt die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit, sowie Selbstreflexion, während das Anti-Correlated Network die Verarbeitung von Außenreizen übernimmt.

Wir wissen, dass sich das menschliche Gehirn in einem vermeintlichen Ruhezustand vorwiegend mit dem Selbst beschäftigt. Konsumieren wir aber Kunst, bleibt diese Region dennoch aktiv, obwohl sie normalerweise übergangen wird, wenn wir uns auf Außenreize konzentrieren. „Wenn eine Person ein Kunstwerk betrachtet und es ästhetisch ansprechend findet, ist dieses nach innen fokussierte System paradoxerweise aktiv. Die typische Dynamik zwischen den nach außen und nach innen fokussierten Netzwerken scheint sich also zu verändern, wenn eine Person etwas ästhetisch bewegend findet“, sagt Edward Vessel vom Max-Planck-Institut.

Interessant ist auch, dass sich emotionale Empfindungen beim Betrachten eines Bildes erst über einen längeren Zeitraum hinweg entwickeln, obwohl das Bild unverändert bleibt. Wir brauchen also länger, bis wir alles erfassen können, was wir sehen. Über die Zeit der Betrachtung verdichten sich unsere Wahrnehmungen, und mehr und mehr entwickeln sich dazu die Empfindungen.

» Die Kunst spricht von Seele zu Seele. «
Oscar Wilde

Spieglein, Spieglein an der Wand …
Dass sich in unserem Gehirn überhaupt etwas regt, sagt noch lange nichts darüber aus, ob wir das, was wir sehen „schön“ finden. Auch düstere Bilder oder atonale Musik können uns tief berühren, müssen aber nicht ästhetisch ansprechend sein. Was macht Schönes also schön? Und entsteht Schönheit nicht immer nur im Kontext? Weil die Rezeption von Kunst – und allem anderen – immer in sozialen, politischen, kulturellen und historischen Zusammenhängen passiert. Und diese Schönheit, von der wir sprechen: Ist sie nur der Kunst vorbehalten oder kann auch eine chemische Formel schön sein? Und ist sie dann (zumindest für den Chemiker) Kunst?

In einer Welt, in der ästhetische Erfahrungen, geteilte ästhetische Präferenzen und ästhetisch motivierte Entscheidungen einen großen Teil unseres Alltag bestimmen, müsste eine systematische Grundlagenforschung dazu nicht nur spannend, sondern sogar höchst profitabel sein. Entscheidet doch die Ästhetik ein großes Stück weit mit, welche Kekspackung wir aus dem Regal nehmen. Oder haben Sie den „guten“ Wein noch nie ausgewählt, weil Ihnen das Etikett besonders gut gefallen hat?

Vieles wurde schon geschrieben über die Schönheit, die Kunst und das, was sie mit uns Menschen macht. Philosophen wie Platon und Aristoteles haben Theorien über Ästhetik formuliert, Psychologen haben versucht zu ergründen, was Menschen attraktiv finden. Ethnologen und Soziologen suchen die Antwort nach unserem ästhetischen Empfinden in der gesellschaftlichen und historischen Einbettung.

Edmund Burke, Philosoph und Politiker des 18. Jahrhunderts, versuchte Schönheit wie folgt begrifflich zu bändigen – als „Qualität an Körpern, die durch Vermittlung der Sinne in mechanischer Weise auf das menschliche Gemüt einwirkt“. Geht Burke also davon aus, dass Schönheit zwar im Auge bzw. im Kopf des Betrachters liegt, aber die Reaktion im Gehirn unabhängig vom Kontext immer gleich bleibt? Semir Zekis Forschung belegt, dass Schönheit hauptsächlich im mittleren orbitofrontalen Cortex stattfindet, einem Teil des Frontallappens der Großhirnrinde. Aber laufend kommen neue Kenntnisse dazu. Wir sind also noch weit entfernt davon, Kunst zu erklären, wir kommen nur dem Verstehen unseres Gehirns ein Stück näher.

ZKB_20210519_Magazin_Artikel_Schoenheit_Beben-1Kann KI Kunst?

Dass Künstliche Intelligenz auch in der Kunstwelt angekommen ist, wissen wir spätestens seit 2018, als das Auktionshaus Christie’s ein KI-Gemälde der Künstlergruppe Obvious Art für 432.000 US-Dollar verkaufte. Jüngst wurde Beethovens zehnte Sinfonie mittels KI vollendet. KI ist nicht einfach nur ein weiterer Pinsel im Farbkasten, sie ist eine ganze weitere Werkzeugkiste. Sie ist ein neues Medium für Künstler. Und wie jedes Medium Einfluss auf die Erscheinung hat, so setzt auch KI neue Kräfte frei. Dass die Kunst eines Algorithmus der des Menschen ebenbürtig ist, glaubt Kunstkritiker Hanno Rauterberg nicht. Mangelnde soziale Intelligenz, sowie das Fehlen von Neugierde und der Fähigkeit zur Selbstreflexion nennt er als Gründe dafür in seinem neuen Buch „Die Kunst der Zukunft“. Er reflektiert darin über KI und Kunst und was sie, über Gemälde und Musik hinaus, mit uns Menschen macht.

Buchtipp: Die Kunst der Zukunft. Über den Traum von der kreativen Maschine | Hanno Rauterberg / 2021

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Als Paradoxe – zugleich geplant und zufällig, undurchdringlich und transparent – bezeichnet die Salzburger Künstlerin Mona Ledl ihre Werke. Wir durften sie und ihre Arbeiten bereits einmal bei unserer Event-Reihe „Young ART Lounge“ in unseren Räumlichkeiten in Wien präsentieren. Für diesen Text hat uns die Künstlerin das Bild auf Seite 62 zur Verfügung gestellt („Following the white rabbit“, Acryl/Tusche auf Leinwand, 90 × 120 cm, 2018).

Neuronenfeuerwerk für eine glücklichere Gesellschaft
Nach all den Betrachtungen, was Kunst mit unserem Gehirn macht, bleibt noch die Frage: Warum? Warum gibt es Kunst eigentlich? Wir brauchen sie zum Überleben. Nicht im urtypisch biologischen Sinne, aber im psychologischen. Kunst – also das Gestalten, Darstellen, Schaffen, Zum-Ausdruck-Bringen ebenso wie der Wunsch danach, sie zu betrachten – ist überall in der Welt, in allen Kulturen organisch entstanden. Dieses Bedürfnis, genau wie die kreative Seele, muss also sehr tief in uns Menschen stecken. Und wenn wir ehrlich sind, steckt ein Stückchen Kunst in so gut wie allem, was wir Menschen erschaffen – von Architektur über Kleidung bis hin zur Nudelverpackung.

Davon abgesehen, dass wir Menschen offensichtlich den tiefen Drang haben, unser Inneres nach außen zu kehren, hat Kunst auch einen Sinn und Zweck, einen unersetzlichen Mehrwert für unsere Gesellschaft. Kunst macht glücklich. Zumindest das Potenzial dazu hat sie, die Intention muss sie nicht haben. Ein beeindruckendes Bild, ein emotionaler Film, berührende Musik, mitreißender Tanz oder bewegendes Schauspiel – jede Form von Kunst kann uns Glücksmomente bescheren. Sowohl die Rezeption als auch die Gestaltung von Kunst kann in uns für wahre Neuronenfeuerwerke sorgen und uns zu glücklicheren Menschen machen. Nicht umsonst ist Kunst auch eine Form der Therapie, denn sie setzt in Seele und Gehirn Prozesse in Gang, die – einmal losgelassen – schwer wieder aufzuhalten sind. Durch Kreativität findet die Seele Sprache. In Tönen, Farben, Formen, Bewegungen findet sie Worte. Emotionen fließen dann unbewusst, schier unkontrollierbar für den Verstand.

Kunst hilft uns, die Komplexität der Realität zu reduzieren. Gleichzeitig gibt sie uns die Chance, unserer Wirklichkeit eine weitere, ganz persönliche Dimension hinzuzufügen. Da ist er wieder, dieser Widerspruch, der uns die rationale Erklärung von Kunst verstellt. Aber vielleicht will Kunst gar nicht erklärt werden, vielleicht will sie ganz einfach gelebt, gefühlt und erzählt werden. Mit allen Spiegelneuronen, die uns zur Verfügung stehen. Für den israelischen Historiker Yuval Noah Harari basiert die Erfolgsgeschichte des Homo sapiens in seiner Fähigkeit, Fiktionen zu entwickeln und sinnstiftende Geschichten zu erzählen. Das heißt auch, dass er sich über Dinge austauschen kann, die es gar nicht gibt. Vielleicht ist es ja genau das, was die Kunst mit unserem Menschsein verbindet: dass wir durch unsere Gestaltung Türen in Räume öffnen, von denen wir noch nichts wissen. Und vielleicht ist genau das die Chance, die wir haben.

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Ein Film über die Kunst und ihre Bedeutung für die Menschheit entsteht gerade in Salzburg. In diesem dokumentarischen Film werden Menschen gezeigt, für die Kunst und das künstlerische Schaffen im Mittelpunkt ihres Lebens stehen. Er stellt die Frage: Brauchen wir die Kunst, um Krisen zu meistern und haben Krisen Einfluss auf die Kunst? Der Film von Daniel H. Ronacher in Spielfilmlänge wird in ausgewählten Kinos und via Streaming ab Sommer 2021 zu sehen sein.
Mehr zu diesem Film erfahren Sie auf der Projekt-Webseite.

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Kunsthilfe Salzburg

Die Kunsthilfe Salzburg fördert junge Künstlerinnen und Künstler in den Bereichen Musik, Tanz, Theater, Bildende Kunst, Medien, Literatur, Film und Neuen Szenen. Die Kunsthilfe unterstützt sie, ihre künstlerische Entwicklung zu verfolgen und ihre Talente und Fähigkeiten zu entfalten. Durch die Vermittlung ihrer kreativen Kraft wird das Bewusstsein des Wertes der jungen Kunst gehoben. Die Zürcher Kantonalbank Österreich AG ist Gründungsmitglied und stolzer Förderer.

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CAMERATA young

Das Projekt „Papageno geht in die Schule“ hat das Ziel der inklusiven Musikvermittlung für Kinder im Alter von 8-12 Jahren und den Anspruch auf höchste musikalische Qualität und Tiefgang mit bleibender Wirkung. Mit der Initiative CAMERATA Young geht das weltbekannte Kammerorchester aus Salzburg neue Wege. Die Zürcher Kantonalbank Österreich AG ist überzeugter Förderpartner dieses Projekts.

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Konzert: CAMERATA Salzburg

Lauschen Sie einem zwanzigminütigen Konzert aus dem Großen Saal der Stiftung Mozarteum, während Sie in unserem Online-Magazin schmökern. Freundlich zur Verfügung gestellt von CAMERATA Salzburg.

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